Der Berliner Dom

Die Geschichte des Berliner Domes

Der Berliner Dom ist durch seine Lage und Baugestalt ein besonders markantes Denkmal der Berliner Baugeschichte. Er verkörpert das lange Ringen um die Idee eines großen protestantischen Dombaus in Berlin, seine Planung und Ausführung, die im Barock der Schlüterzeit mit der Planung einer den großen Dombauten des 17. Jahrhunderts vergleichbaren Kuppelkirche für das Kurfürstentum Brandenburg begann, über den Traum von einer Nationalkirche aller Deutschen als Dank für die Befreiung von Napoleonischer Fremdherrschaft in der Schinkelzeit reichte, und endlich zu dem Kaiserdom von Julius Karl Raschdorff führte, einer Haupt- und Staatskirche des deutschen Kaiserreichs, welche in ihrer Gestalt durch den Wiederaufbau nach Zerstörungen im 2.Weltkrieg auch in die jüngste deutsche Geschichte hineinreicht.

Tatsächlich errichtet wurden auf diesem Weg zu dem erhabenen großen Dombau bescheidenere Kirchen, die die Berliner Baugeschichte vom Mittelalter über die Renaissance, den Barock und Klassizismus markieren und in denen mit dem Aufbau der Grablege der Hohenzollern die Idee für den großen, alles überragenden Dom lebendig blieb.

Hervorgegangen aus der Bindung an die Landesherrschaft in Brandenburg-Preußen ist der Berliner Dom ein Zeugnis der Geschichte der Monarchie in diesem Teil Deutschlands, die über fünfhundert Jahre mit dem Adelshaus der Hohenzollern verknüpft war, darüber hinaus aber auch ganz Deutschlands nach der Gründung des zweiten deutschen Kaiserreichs, das ebenfalls vom Haus Hohenzollern dominiert war.

Seine markante Gestalt erhielt er im späten 19. Jahrhundert, als Berlin zur Hauptstadt Deutschlands wurde. Errichtet in den Formen eines damals schon sehr konservativen Historismus und wegen seiner ausschließlichen Orientierung auf die Geschichte des Herrscherhauses zog er viel Kritik auf sich.

Er ist heute jedoch als Zeugnis für die Leistungskraft von Kunst und Handwerk in der Gründerzeit ein anerkannter und lebendiger Glanzpunkt kirchlichen Lebens im Berliner Zentrum. Nach der 1417 auf dem Konzil in Konstanz erfolgten Belehnung des Hauses Hohenzollern mit der Mark Brandenburg errichtete Kurfürst Friedrich II. ab 1443 den Neubau eines Renaissanceschlosses in seiner Residenz Berlin. Als Andachtsstätte für seine Familie ließ er im Ostflügel des Schlosses die Erasmuskapelle errichten, die zur Pfarrkirche und 1469 zu einem Domstift erhoben wurde. Die Kapelle sollte auch als kurfürstliches Erbbegräbnis dienen.

Kurfürst Joachim II. (1505–1571) verlegte 1536 das mit dem Ausbau der Verwaltung wachsende Domstift in die südlich vom Schloss gelegene mittelalterliche Dominikanerkirche und bestimmte diese zur Domkirche und Grablege (Abb. 1).

Text:
Dr. Peter Goralczyk, Denkmalpfleger
Rüdiger Hoth, Dombaumeister a.D.

Bildrecherche:
Dombaubüro

„Die Königl. Schloß -und Dohmkirche in Berlin, wie solche gegen dem Königl. Schlosse und der neuen Stechbahn sich praesentiret“. Stich von G.P. Busch nach einer Zeichnung von J.F. Walther, um 1735, Deutsche Staatsbibliothek, Berlin

Abb. 1: „Die Königl. Schloß- und Dohmkirche in Berlin, wie solche gegen dem Königl. Schlosse und der neuen Stechbahn sich praesentiret“. Stich von G. P. Busch nach einer Zeichnung von J. F. Walther, um 1735, Deutsche Staatsbibliothek, Berlin

Mitte der 50er Jahre des 16. Jahrhunderts ließ er die Gebeine seines Vaters Joachim I. und seines Großvaters, Joachim Cicero nach Berlin überführen und in der zum Dom bestimmten Dominikanerkirche beisetzen. So gelangte als erste bedeutende Bildhauer- und Bronzegießerarbeit das unter Beteiligung Peter Vischers d. Ä. von Hans Vischer in Nürnberg 1524-30 hergestellte Bronzegrabmal für Kurfürst Johann Cicero (gest. 1499) in den Dom (Abb. 2).

Grabmal für Kurfürst Johann Cicero, Hans Vischer, 1530, Institut für Denkmalpflege Meßbildarchiv

Abb. 2: Grabmal für Kurfürst Johann Cicero, Hans Vischer, 1530, Institut für Denkmalpflege Meßbildarchiv

Als dann im Jahr 1688 der für die Sicherung und Entwicklung des Kurfürstentums Brandenburg so bedeutende „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm (1620–1688) starb, wurden auch die für ihn und seine zweite Gemahlin Dorothea von Holstein-Glücksburg (gest. 1689) von dem Bildhauer Michael Döbel nach dem Entwurf des Architekten Arnold Nering geschaffenen nun schon barocken als Grabmonumente gedachten Särge in der Dominikanerkirche aufgestellt (Abb. 3 und 4).

Sarg des „Großen Kurfürsten“, Arnold Nehring, Michael Döbel, 1688/1689, Registratur Dombaubüro (Foto: Rüdiger Hoth)

Abb. 3: Sarg des „Großen Kurfürsten“, Arnold Nehring, Michael Döbel, 1688/1689, Registratur Dombaubüro (Foto: Rüdiger Hoth)

Sarg seiner Gemahlin Dorothea von Holstein -Glücksburg, Arnold Nehring, Michael Döbel, 1688 / 1689, Registratur Dombaubüro (Foto: Rüdiger Hoth)

Abb. 4: Sarg seiner Gemahlin Dorothea von Holstein -Glücksburg, Arnold Nehring, Michael Döbel, 1688 / 1689, Registratur Dombaubüro (Foto: Rüdiger Hoth)

Der erste Preußische König und Brandenburgische Kurfürst Friedrich I. (1657–1713) beauftragte 1699 den Architekten und Bildhauer Andreas Schlüter mit dem Neubau des Berliner Schlosses in dem die gestiegene Bedeutung seiner Herrschaft nach der Übernahme der Königswürde zum Ausdruck kommen sollte. Es wurde errichtet als Erweiterung des Renaissancebaus nach Südwesten und sollte mit dem Neubau einer Dom- und Hofkirche gekrönt werden, die in den Planungen etwa am Invalidendom in Paris oder der St. Pauls-Kathedrale in London orientiert war. Die Entwürfe schlossen auch immer die Errichtung einer repräsentativen Memorialkirche d. h. einer Grablege mit ein (Abb. 5).

Projekt für die Umgestaltung der Residenz („Place royal de Berlin“). Kupferstich von J. B. Broebes (ehemals Schlüter zugeschrieben), um 1702, Gesamtansicht, Märkisches Museum, Berlin

Abb. 5: Projekt für die Umgestaltung der Residenz („Place royal de Berlin“). Kupferstich von J. B. Broebes (ehemals Schlüter zugeschrieben), um 1702, Gesamtansicht, Märkisches Museum, Berlin

Der große Dom wurde nicht gebaut. Die Dominikanerkirche am Schloßplatz blieb Dom und Grablege für die inzwischen zum Königshaus aufgestiegenen Hohenzollern. Der überragende Architekt und Bildhauer Andreas Schlüter entwarf und fertigte dann am Anfang des 18.Jahrhunderts die von dem ebenso anerkannten Bronzegießer Johann Jacobi realisierten vollständig vergoldeten Grabmonumente für den ersten preußischen König Friedrich I. und seine Gemahlin Sophie Charlotte für die Grablege im Dom. Sie waren das letzte Werk Schlüters in Berlin und wie es in dem Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler heißt: „der Abschluss einer glänzenden Kunstperiode. Die Särge in Entwurf und Ausführung Zeugnisse größter Meisterschaft, zugleich ein Höhepunkt in der Entwicklung barocker Sarkopharggestaltung, motivisch Französisches und Bernineskes zu genialer Synthese verschmelzend“.

König Friedrich II. (1712–1786) ließ 1747 den inzwischen baufällig gewordenen Dom, d.h. die mittelalterliche Dominikanerkirche auf dem Schlossplatz abtragen und von 1747 bis 1750 durch den Architekten Johann Boumann d. Ä. einen neuen Dom nach seinen und den Plänen Georg Wenzelslaus von Knobelsdorff am Lustgarten erbauen (Abb. 6). Das neue Gotteshaus ragte aber weder durch seine Stellung noch seine Baugestalt über die damaligen Berliner Kirchen hinaus.

Abb. 6: Blick vom Platz am Zeughaus zum Lustgarten mit der Domkirche, Gemälde von C. T. Fechhelm, 1788, Märkisches Museum, Berlin (Foto: Christel Lehmann)

Abb. 6: Blick vom Platz am Zeughaus zum Lustgarten mit der Domkirche, Gemälde von C. T. Fechhelm, 1788, Märkisches Museum, Berlin (Foto: Christel Lehmann)

Den Anspruch Preußen zu einem Staat europäischer Bedeutung nach dem Sieg im siebenjährigen Krieg zu machen, demonstrierte Friedrich mit dem Bau des Neuen Palais in Potsdam-Sanssouci, nicht mit dem Bau einer neuen Domkirche in Berlin. Den Grundplan bildete eine rechteckige Saalanlage mit Emporen und eine inmitten der westlichen Längsseite errichtete Tambourkuppel. Bereits in diesem Neubau werden jedoch das Grabdenkmal des Kurfürsten Johann Cicero, die Prunksarkophage König Friedrich I. und seiner zweiten Gemahlin und die Prunksärge des Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seiner Gemahlin im Kirchenraum zur Erinnerung an die Geschichte der Hohenzollern, aber wohl auch wegen ihres besonderen historisch-künstlerischen Wertes, aufgestellt. Die weiteren Särge kamen in eine Gruft, die unter dem Dom angelegt wurde.

Unter König Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) wurde dieser Dom zwischen 1816 und 1822 durch Karl Friedrich Schinkel im Inneren und Äußeren im Stil des Klassizismus umgebaut. Er erhielt eine mit ionischen Säulen gestaltete Vorhalle und zwei Nebenkuppeln, war aber durch die Bindung an die Proportionen der Kirche Friedrichs II. keine glückliche Lösung.

Karl Friedrich Schinkel formulierte seine Idealvorstellungen von einem Kirchenbau nach den siegreich beendeten Befreiungskriegen von 1813 in Plänen für einen phantastisch großen Dombau in einem mittelalterlich gotischen und damit „deutschen“ Stil. Er sollte Denkmal- und Gruftkirche sein, für die Fürsten und für alle diejenigen, die sich durch hervorragende Taten um das Vaterland verdient gemacht hatten. Ein Denkmal von nationaler Dimension und Zentralpunkt aller höheren Kunstbetriebsamkeit des Landes war das Ziel seiner Ideen (Abb. 7).

Abb. 7: Entwurf für einen Dom als Denkmal für die Befreiungskriege in Berlin, Karl Friedrich Schinkel, 1814/15, Staatliche Museen zu Berlin

Abb. 7: Entwurf für einen Dom als Denkmal für die Befreiungskriege in Berlin, Karl Friedrich Schinkel, 1814/15, Staatliche Museen zu Berlin

Der Plan war utopisch. An eine Realisierung war nicht zu denken. Der Anspruch war aber formuliert. Er blieb bei den weiteren Dombauplanungen unterschwellig weiter wirksam. Vor allem als es dann darum ging die Einheit der deutschen Nation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Erhebung der Hohenzollern in die Kaiserwürde in einem solchen Kirchenbau zu feiern.

König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) ließ den Architekten Friedrich August Stüler, den Nachfolger Schinkels als Hofbaumeister, den Plan einer mächtigen fünfschiffigen Basilika mit Camposanto nach altchristlicher Formauffassung, einer ebenerdigen kolonnadenumgrenzten Friedhofsanlage erarbeiten (Abb. 8). Vorbild hierfür war die noch heute bestehende Anlage in Pisa mit Dom und Camposanto. Mit dem Bau der Fundamente für diese neue Domkirche wurde an der Spree hinter dem Schinkeldom begonnen.

Peter von Cornelius erhielt den Auftrag zur Schaffung von Entwürfen für Frescogemälde an der Umgrenzung des Camposanto, deren Kartons sich heute in der Alten Nationalgalerie befinden. Im Revolutionsjahr 1848 mussten die Arbeiten an den östlichen Domfundamenten und den Umfassungswänden des Camposanto eingestellt werden.

Abb. 8: Lageplan Basilikaentwurf, Friedrich August Stüler, 1845, Institut für Denkmalpflege Meßbildarchiv

Abb. 8: Lageplan Basilikaentwurf, Friedrich August Stüler, 1845, Institut für Denkmalpflege Meßbildarchiv

1855 legte August Stüler dann einen neuen Entwurf für einen Zentralbau mit dominierender Kuppel vor. Zu beiden Planungen befinden sich die Modelle im Dom-Museum (Abb. 9 und 10). König Wilhelm I., ab 1871 Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) ließ im Jahr 1867 für die Errichtung eines würdigen neuen Dombaus einen Wettbewerb ausschreiben. Zu den 53 von 51 Architekten eingereichten Entwürfen wurde von der vom König beauftragten Kommission aber entschieden, dass keiner für eine Ausführung geeignet sei.

Abb. 9 und 10: Modelle im Dom-Museum, Basilika, Friedrich August Stüler 1843 und Zentralbau, Friedrich August Stüler, 1859, (Fotos: Rüdiger Hoth)

Abb. 9 und 10: Modelle im Dom-Museum, Basilika, Friedrich August Stüler 1843 und Zentralbau, Friedrich August Stüler, 1859, (Fotos: Rüdiger Hoth)

Nach dem Ableben Kaiser Wilhelms I. am 9.3.1888 und dem überraschenden Tod seines Nachfolgers Kaiser Friedrich III. (1831–1888) wurde dann unter Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) nach weiteren Um- und Neuplanungen mit einem Domneubau begonnen. Der Architekt und Geheime Regierungsrat, Professor Julius Carl Raschdorff legte einen Bauplan vor mit dem Titel „Ein Entwurf Sr. Majestät des Kaisers Friedrich III. zum Neubau eines Doms und zur Vollendung des Schlosses in Berlin“. Das dreifach überkuppelte Gebäude war funktionell in eine Gruftkirche, eine Festkirche und eine Predigtkirche gegliedert. Es waren weiterhin ein Übergang zum königlichen Schloss, ein hoher Uhrenturm und an der Spreeseite des Schlosses ein großer Festsaal vorgesehen. Ob dieser Entwurf tatsächlich den Intensionen Kaiser Friedrich III. entsprach, ist bis heute ungeklärt (Abb. 11 und 12).

Abb. 11: „Ein Entwurf Seiner Majestät des Kaisers und Königs Friedrich III. zum Neubau des Domes und Vollendung des kgl. Schlosses“, Plan I, Ansicht von Westen, Julius Carl Raschdorff, 1888, Registratur Dombaubüro

Abb. 11: „Ein Entwurf Seiner Majestät des Kaisers und Königs Friedrich III. zum Neubau des Domes und Vollendung des kgl. Schlosses“, Plan I, Ansicht von Westen, Julius Carl Raschdorff, 1888, Registratur Dombaubüro

Abb. 12: „Ein Entwurf Seiner Majestät des Kaisers und Königs Friedrich III. zum Neubau des Domes und Vollendung des kgl. Schlosses“, Plan I, Lageplan, Julius Carl Raschdorff, 1888, Registratur Dombaubüro

Abb. 12: „Ein Entwurf Seiner Majestät des Kaisers und Königs Friedrich III. zum Neubau des Domes und Vollendung des kgl. Schlosses“, Plan I, Lageplan, Julius Carl Raschdorff, 1888, Registratur Dombaubüro

Die zuständige Immediat-Dombau-Kommission lehnte den Entwurf jedoch ab. Auf Wunsch Kaiser Wilhelm II. überarbeitete Raschdorff den Entwurf aber auf der Grundlage vorliegender Änderungswünsche. Das daraufhin vorgelegte Projekt mit Kosten von 20 Millionen Mark wurde gleichfalls abgelehnt. Es sollte in den Abmessungen und in der Materialwahl so überarbeitet werden, dass der Neubau mit der vorgesehenen Bausumme von 10 Millionen Mark realisiert werden konnte. Am 17. November 1891 wurde Raschdorffs dritter Entwurf dann zur Ausführung bestimmt (Abb. 13 und 14).

Abb. 13: Berliner Dom, Westansicht, Julius Carl Raschdorff, 1891, Deutsche Staatsbilbliothek, Berlin

Abb. 13: Berliner Dom, Westansicht, Julius Carl Raschdorff, 1891, Deutsche Staatsbilbliothek, Berlin

1892 bewilligte das Preußische Abgeordnetenhaus die erste Rate eines einmaligen Zuschusses von 10 Millionen Mark zum Neubau des Domes in Berlin und einer Gruft für das Preußische Königshaus. Nach dem vollständigen Abbruch des noch immer stehenden friderizianischen Domes mit den Umbauten durch Schinkel und dem Abbruch der begonnenen Fundamente von 1848 wurde am 17. Juni 1894 der Grundstein für die neue Domkirche gelegt. Die Planung wies ebenfalls eine Dreigliederung des Baukörpers wie im ersten Entwurf von 1888 auf, erhielt jedoch nur eine dominante Überkuppelung über der mittig gelegenen Predigtkirche.

Die Lustgartenfassade wurde durch die kräftigeren Westtürme besonders aufgewertet. Nördlich der Predigtkirche entstand aber entgegen den langjährigen Planungen Stülers für einen Camposanto ein weiterer kleinerer Zentralbau, die Denkmalskirche, ein Pantheon für die Geschichte des Hauses Hohenzollern in denen die wertvollsten Denkmäler ihrer Geschichte aufgestellt werden konnten. Immer wieder gab es jedoch auch Vorschläge an dieser Stelle auch Personen außerhalb des Herrscherhauses für ihren Einsatz für die Nation zu ehren. Der neue Dom zu Berlin wurde am 27. Februar 1905 eingeweiht.

Entsprechend der Bestimmung, „auf Jahrhunderte hinaus die Beisetzung der sterblichen Überreste von Angehörigen des Preußischen Königshauses zu ermöglichen“, erstreckte sich unter der Denkmals- und Predigtkirche die Fürstengruft.

Abb. 14: Erdgeschossgrundriss Berliner Dom, Julius Carl Raschdorff, 1891, Registratur Dombaubüro

Abb. 14: Erdgeschossgrundriss Berliner Dom, Julius Carl Raschdorff, 1891, Registratur Dombaubüro

In der zur Abhaltung von Trauergottesdiensten und Gedächtnisfeierlichkeiten bestimmten Denkmalskirche (Abb. 15) konnten außer den vorhandenen oben genannten kunst- und kulturgeschichtlich wichtigen Grabdenkmälern und Prunksärgen auch neue Grabdenkmäler, Epitaphien, Totenschilde, Inschrifttafeln usw. Platz finden, auf denen nach den Worten König Friedrich Wilhelms IV., „die Vorübergehenden die Geschichte des Königshauses und des Landes in goldenen Lettern auf Marmortafeln eingegraben, lesen sollen“.

In die Denkmalskirche gelangte man durch ein Portal in der westlichen Vorhalle der Domkirche sowie über Türen unterhalb der Orgelempore. Der Hauptraum war mit einem reich gestalteten Tonnengewölbe mit ovalem Oberlicht überdeckt. In dem Kapellenkranz, der den Hauptraum umgibt, standen die Grabdenkmäler und die sogenannten Prunksärge. Zur Darstellung der Kaiserwürde der Hohenzollern wurde das von dem Bildhauer Reinhold Begas geschaffene Marmordenkmal für Kaiser Friedrich III. aus dem Mausoleum neben der Friedenskirche in Potsdam Sanssouci in die Denkmalskirche überführt und für Potsdam eine Replik angefertigt.

Damit war nach langen Diskussionen und Auseinandersetzungen mit Denkschriften und Entwürfen die Geschichtsdarstellung einseitig auf das Haus Hohenzollern fokussiert, die Leistungen dieses Herrscherhauses bei der Herausbildung und dem Aufstieg des deutschen Nationalstaats gefeiert.

Abb. 15: Innenraum Denkmalskirche vor 1944, Registratur Dombaubüro

Abb. 15: Innenraum Denkmalskirche vor 1944, Registratur Dombaubüro

Der Berliner Dom wurde im Zweiten Weltkrieg bei Luftangriffen stark beschädigt (Abb. 16). An einen Wiederaufbau war in der Zeit der DDR lange kaum zu denken. Die Architektur des Bauwerks wurde ausschließlich kritisch gesehen. Der ungeliebte Dombau geriet in Vergessenheit. Als ein Wiederaufbau dann in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts durch eine Finanzierung der Bundesrepublik in einer Periode der Entspannungspolitik zwischen beiden Deutschen Staaten möglich wurde, war seine Geschichte kaum bekannt und schon gar nicht aufgearbeitet. Eine differenzierte Bewertung des Gebäudes, seiner Architektur und Ausstattung fand nicht statt. Die kritische Sicht auf das Wirken der Hohenzollern vor allem im 20. Jahrhundert dominierte die Wahrnehmung des Baus. Seine historistische Architektur war zum Synonym für einen abzulehnenden Eklektizismus und eine reaktionäre Herrschaftspose geworden. Der Dom sollte daher beim Wiederaufbau umgestaltet, vereinfacht, neuen funktionellen Erfordernissen maximal angepasst werden. Zudem waren die finanziellen Mittel begrenzt. So wurde die Denkmalskirche gleich zu Beginn des Wiederaufbaus 1975, obwohl sie mit dem Dom unter Denkmalschutz stand, auf Drängen der Regierung der DDR gesprengt (Abb. 17).

Abb. 16: Nordostansicht Berliner Dom um 1947, Registratur Dombaubüro

Abb. 16: Nordostansicht Berliner Dom um 1947, Registratur Dombaubüro

Für die tatsächliche Wiederherstellung von Predigtkirche, Tauf- und Traukirche, dem Kaiserlichen Treppenhaus und der Gruftanlage konnte dann doch eine den Denkmalwert weitgehend respektierende Restaurierung durchgesetzt werden. Der kleine so aussagekräftige Zentralbau auf seiner Nordseite, die Denkmalskirche, ist jedoch ein unveräußerlicher Bestandteil des Berliner Doms, seiner Geschichte und Architektur. Daher tritt der Dombauverein trotz des Verlustes der originalen Substanz für die Wiederherstellung, eine Rekonstruktion dieses Bauteils ein. Die unnötige Sprengung der Denkmalskirche darf nicht hingenommen werden. Originale Fassadenteile, Fotos, Modelle ermöglichen analog zum Wiederaufbau der Schlossfassade mit dem Humboldt-Forum eine solche Wiederherstellung.

Abb. 17: Sprengung des Daches der Denkmalskirche 1975, Registratur Dombaubüro (Foto: Rüdiger Hoth)

Abb. 17: Sprengung des Daches der Denkmalskirche 1975, Registratur Dombaubüro (Foto: Rüdiger Hoth)

Durch den Wiederaufbau der Denkmalskirche können Gedanken und Intentionen, die zu dem Dombau und dem Pantheon an seiner Nordseite geführt haben, dem Vergessen entrissen und mit den Erfahrungen aus weiteren hundert Jahren deutscher Geschichte neu diskutiert werden. Die aus einer solchen Diskussion gewonnenen Einsichten und Erkenntnisse können dann auch einen Niederschlag in der Wiederherstellung finden. Ein solcher Wiederaufbau entspräche der im In-und Ausland so sehr geschätzten Berliner Tradition für die Beantwortung von Fragen der Gegenwart die Geschichte zu aktivieren, relevanten historischen Ereignissen und Personen auf dem Weg zur heutigen Situation Stimme und ein angemessenes Gewicht zu geben. Damit im Zusammenhang könnten auch bedeutende Werke der Berliner Bildhauerkunst und damit positive Leistungen auf diesem Weg, wieder einen adäquaten Aufstellungsort in der Öffentlichkeit bekommen.

Abb. 18: Nord-Ostansicht des Berliner Doms 2010, Registratur Berliner Dom (Foto: Bednorz Image)

Abb. 18: Nord-Ostansicht des Berliner Doms 2010, Registratur Berliner Dom (Foto: Bednorz Image)

Dombaumeister Julius Carl Raschdorff

Julius Carl Raschdorff wurde am 2. Juli 1823 in einer katholischen Familie im oberschlesischen Pleß (heute Pszczyna) geboren. Nach dem Abitur entschied er sich zunächst für eine Ausbildung zum Feldmesser in Oppeln, begann dann 1844 ein Studium an der Bauakademie Berlin, das er 1853 mit dem Titel „Baumeister“ abschloss. Ein Jahr später erhielt er den Ruf als Stadtbaumeister nach Köln.

In den folgenden zwei Jahrzehnten widmete er sich der Pflege der Kölner Kirchen, wie St. Gereon, St. Maria Lyskirchen und St. Andreas, die er im Stile der Zeit romanisierte. Raschdorff verantwortete auch Umbau und Erweiterung des mittelalterlichen Gürzenich sowie des Rathauses, die zum Teil mit bedeutenden Eingriffen in die historische Bausubstanz verbunden waren. In der Folge wandte er sich mehr und mehr der Neorenaissance zu.

Zu den Neubauten dieser Zeit gehört das Apostelgymnasium, das 1860 eingeweiht wurde, das unter der Leitung von Josef Felten 1861 vollendete Wallraf-Richartz-Museum und das 1872 fertiggestellte Stadttheater.

In einer kurzen Phase als freier Architekt entwarf er das „Ständehaus“ (Landtagsgebäude) in Düsseldorf. Neben seinem Hauptwerk, dem Neubau des Berliner Doms 1894–1905, schuf Raschdorff mit der Neuen Evangelischen Kirche in Langenberg/Rheinld. (1877), der englischen Kirche im Monbijoupark in Berlin (1884/85) sowie dem Mausoleum für Kaiser Friedrich III. neben der Friedenskirche Potsdam (1888–1890) weitere Sakralbauten.

1878 ging Raschdorff nach Berlin, wo er zum Professor für Baukunst an der Technischen Hochschule Charlottenburg ernannt worden war. Gemeinsam mit Richard Lucae und Friedrich Hitzig errichtete er zwischen 1878 und 1884 den Neubau dieser Einrichtung, wo auf seine Initiative hin das Architekturmuseum als bedeutende umfangreiche Sammlung von Bauzeichnungen und Modellen entstand. Als bei den Studenten äußerst beliebter Professor unterrichtete Raschdorff mehr als dreißig Jahre wöchentlich 12 Stunden „Baukunst der Renaissance. Entwurf von Hochbauten“. Er verstand den von ihm gepflegten Historismus als einen internationalen Stil, der sich gegen die Enge der Berliner Schule richtete.

Seit 1880 hat Raschdorff an Planungen für einen Dombau am Berliner Lustgarten gearbeitet. Aus dieser Entwurfsphase stammt die berühmte Ostansicht des damals noch von drei Kuppeln bekrönten Doms und dem mit einem hohen Turm versehenen und über eine Brücke angebundenen Schlosses. Eine Kopie dieser Ostansicht hängt heute im Dom – Museum, die erhaltenen Originalzeichnungen aus der Erbauungszeit sind Bestandteil des Domarchivs. Nach zahlreichen überarbeitungen legte Raschdorff 1891 den Entwurf, der schließlich zur Ausführung kam, vor.

Kaiser Wilhelm II., der das Dombau – Projekt von seinem Vater Friedrich III. „geerbt“ hatte, gab die entscheidenden Impulse zur Umsetzung.

Am 17. Juni 1894 kam es zur Grundsteinlegung. Nach elf Jahren Bauzeit wurde der Berliner Dom am 17. Februar 1905, dem Hochzeitstag des Kaiserpaares, feierlich eingeweiht.

Julius Carl Raschdorff starb am 13. August 1914, sein Grab befindet sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof II in der Liesenstraße.

Text:
Charlotte Hopf, Dombaumeisterin i.R.
Yves Pillep, Domarchivar

Bauzustands­­ermittlung 1964

Der Berliner Dom wurde im Zweiten Weltkrieg bei Luftangriffen und Straßenkämpfen stark beschädigt. An eine Reparatur der Schäden oder gar einen vollständigen Wiederaufbau war zunächst nicht zu denken. Erst 1964 gab das Domkirchenkollegium eine bauliche Bestandsaufnahme des Doms in Auftrag, bei Prof. Dr. Heinrich Rettig von der TU Dresden. Die Erfassung der Schäden vor Ort oblag Dipl.-Ing. Peter Prohl, Dresden. Für das Gutachten und seine Empfehlungen zeichnete Dipl.-Ing. Wolfgang Preiß, Sachverständiger für konstruktive Sicherung von Baudenkmälern, Dresden.

Auf einer Tagung der Evangelischen Forschungsakademie im Juni 2019 beschrieb Peter Prohl die Bauzustandsermittlung des Doms 1964 wie folgt:

„Eine wesentliche Grundlage für die Entscheidung über einen Wiederaufbau des Domes bildet die Erfassung des Bauzustandes. Unter Leitung von Wolfgang Preiß habe ich vom 1. April 1964 bis 30. September 1964 auf der Grundlage der erhaltenen, bestätigten Revisionszeichnungen des Jahres 1909 nach eingehender örtlicher Überprüfung die Bestandszeichnungen des Bauzustandes 1964 angefertigt. Sie kartieren die gegenwärtige Nutzung, Art und Zustand von Fußböden, Wänden und Decken aller Räume des Domes, weiterhin die Risse, Fehlstellen, Nässeschäden etc.. Sie erfassen selbstverständlich auch die Verluste, Beeinträchtigungen seiner Schauseiten, Dächer und der Kuppel.

„Das darauf aufbauende Gutachten von Wolfgang Preiß sagt als Wichtigstes: ‚Trotz der genannten Schäden ist die umfangreiche Bausubstanz des Domes noch so gut erhalten, dass die Instandsetzung einschließlich der Verbesserung des Nutzwertes mit vertretbarem Aufwand möglich ist.‘ Das Baugrundgutachten des VEB Baugrund Berlin stellt fest: ‚Vermutlich sind Setzungserscheinungen mit entsprechenden Rissebildungen nicht mehr zu erwarten.‘ Mit beiden Gutachten kann auch Gerüchten über eine Baufälligkeit des Berliner Domes sachlich entgegnet werden.“

In einem Gesprächsvortrag am 4. März 2020 hat Prof. Prohl die damals erstellten Bestandszeichnungen auf insgesamt [15] Blättern den Mitgliedern und Freunden des Berliner Dombau-Vereins vorgestellt. Zur Einführung diente eine Präsentation von Fotografien des Doms um 1964 sowie Ausschnitten aus dem Gutachten.

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